Urlaubsmagazin Sächsische Schweiz 2016 - page 46

Sächsische Schweiz
Ihr Urlaubsmagazin 2016
BEWEGUNG
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»Da war sie plötzlich –
die Landschaft meiner Träume«
E
igentlichwar es ein Zufall, dass es Pfings-
ten 1975 zu meiner ersten Begegnung
mit dem Elbsandsteingebirge kam. In
der Klettergruppe meiner Freunde aus
Hannover war ein Platz frei geworden, ich erhielt
eine Einladung, wenig später ein Visum und schon
standen wir in Marienborn am Grenzübergang und
hatten zwei Stunden lang Gelegenheit zu beob-
achten, wie unser Fiat 127 auseinandergenommen
und wieder zusammengebaut wurde. Die Fahrt
dauerte die ganze Nacht.
Am nächsten Morgen erreichten wir dann ir-
gendwann die Schrammsteinaussicht hoch über
Bad Schandau – und ich war verloren: Liebe auf
den ersten Blick, keine chance zu entkommen. Da
war sie plötzlich, die Landschaft, die schon so oft
durch meine Träume gegeistert war und von der
ich nicht zu hoffen gewagt hatte, dass es sie wirk-
lich gab. Die fantastische Felsenwelt berührte mich
von Anfang an und ließ mich nicht mehr los, bis
heute. Die unzähligen Felstürme, die wilden Schluch-
ten und Abgründe, die knorrig-ursprünglichen
Wälder, die gewaltigen Tafelberge mit ihren end-
losen Weitblicken, all das war so wunderbar ro-
mantisch und schlug in meiner Seele einen eben-
so wehmütigen wie aufwühlenden Ton an, der nie
wieder verklingen sollte.
Hatte ich je eine wildere und
schönere Kletterei begangen?
Nun hatte ich damals in meiner Sturm-und-Drang-
Zeit offenbar nicht nur eine zutiefst romantische
Disposition, sondern war auch und vor allem Klet-
terer. Die ersten Abenteuer in den Alpen waren
überstanden und ich ahnte nicht, welch wilde Aus-
fahrten mich in der Sächsischen Schweiz noch er-
warten sollten. Bereits kurz nach dem Schlüssel-
erlebnis auf der Schrammsteinaussicht starteten
wir ohne Klettergurt und Seil unsere erste Kletter-
tour, die »Seydesche Variante« auf den Hohen Tor-
stein. Wir querten über schaurige Schluchten,
wanderten über ausgesetzte sandige Pfade, kro-
chen durch finstere Höhlen und Kamine, schienen
uns dabei fast schon im Inneren des Berges zu
verlieren, als ein unerwarteter Ausweg durch eine
enge Kluft uns schließlich auf den höchsten Gipfel
der Schrammsteinkette führte. Was für ein Erleb-
nis! Der gewaltige Falkenstein lag uns zu Füßen,
das Turmgewirr rings umher wirkte wie die unauf-
geräumte Werkstatt eines Riesen-Steinmetzes.
Kurze Zeit später standen wir dann am Fuße des
Falkensteins und stiegen, ebenfalls ohne Seil, über
den berühmten »Schusterweg« zu seinem Gipfel
empor. Hatte ich je eine wildere und schönere
Kletterei begangen?
Auf dem Gipfel machten wir lange Rast, und
unser Dresdner Bergfreund breitete vor uns die
sächsische Klettergeschichte aus: Bereits Ende
des 19. Jahrhunderts hatten sich Oscar Schuster
und seine Gefährten an diese Sandsteinriesen ge-
wagt und einen Gipfel nach dem anderen erobert.
Schon früh hatte sich die sächsische Kletterge-
meinde dabei strenge Regeln auferlegt, deren
Grundsätze bis in die Gegenwart gelten und dazu
beigetragen haben, dass das im Elbsandsteinge-
birge nach wie vor eine Sonderstellung unter den
Klettergebieten einnimmt. So entstanden bereits
in der Frühzeit abenteuerliche und kühne Wege,
KLETTERN IM ELBSANDSTEINGEBIRGE
Peter Brunnerts Kletterbücher sind Kult. Für das
Urlaubsmagazin erinnert sich der Hildesheimer
Autor an den stürmischen Beginn seiner Liebe zum
Elbsandsteingebirge.
Foto: Archiv Peter Brunnert
Foto: Helmut Schulze
Foto: Archiv Peter Brunnert
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