Urlaubsmagazin Sächsische Schweiz 2016 - page 102

Sächsische Schweiz
Ihr Urlaubsmagazin 2016
KULTUR
100
In lapide regis –
Auf dem Stein des Königs
Die Festung Königstein gehört zu den großen
Festungslegenden Europas. Ihre dokumentierte
Geschichte reicht bis ins Mittelalter zurück. Die
ursprünglich böhmische Königsburg wurde später
Kloster, sächsische Landesfestung, Jagd- und Lust-
schloss, Staatsgefängnis, Kunstdepot, Kriegsge-
fangenenlager, Jugendwerkhof und schließlich
Museum.
Die faszinierende 800-jährige Geschichte der
Wehranlage wird in der neuen Dauerausstellung
»In lapide regis – Auf dem Stein des Königs« zum
ersten Mal umfassend museal erzählt. Mehr als
25 Jahre wurde dafür geforscht, gesammelt und
gebaut, 33 historische Räume in Torhaus und
Streichwehr aufwendig hergerichtet.
Auf 1.200 Quadratmeter und in zum Teil erst-
mals zugänglichen Räumen sind wertvolle Doku-
mente, großformatige Gemälde, Waffen, Uniformen,
Modelle und Baupläne zu sehen. Die Besucher er-
fahren, wie der Königstein zu seinem Namen kam
und wie die einstige Burg in den Besitz der Wetti-
ner gelangte. Eines der wichtigsten Ereignisse –
der Ausbau zur Festung ab 1589 – illustriert ein
dreidimensionales Schaubild der historischen
Großbaustelle in wimmelndem Detailreichtum.
In den Königszimmern begrüßen der »sächsische
Sonnenkönig« August der Starke (1670–1733)
und seine Lieblingstochter, die schöne Gräfin Or-
zelska, sowie der preußische König Friedrich Wil-
helm I. höchstpersönlich und täuschend lebens-
echt die Besucher. Zudem erinnern ein acht Meter
langes Kutschenzugmodell, höfisches Meißner
Porzellan und Relikte des einst größten Weinfas-
ses der Welt an die notorische Opulenz des säch-
sischen Kurfürsten und polnischen Königs.
Die Reise geht chronologisch weiter über das
napoleonische Zeitalter, den Ersten und Zweiten
Weltkrieg, die Nachkriegs- und DDR-Zeit bis in die
Gegenwart. Die gesamte Ausstellung ist multime-
dial. Neben Filmen füllen Hörstationen und ein
Audioguide in neun Sprachen historische Fakten
mit Leben. Kinder können spielerisch auf Entde-
ckungstour gehen. Und erstmals ist das bekannte
Spottlied »Auf der Festung Königstein« am Ort
des Geschehens zu hören, gesungen vom Kinder-
chor der Semperoper Dresden.
Lebenslänglich Stolpen:
Der Mythos Cosel
Auch Stolpen hatte aufgrund seiner strategisch
wichtigen Lage im Grenzbereich der Markgrafschaft
Meißen, dem Vorläufer des späteren Kurfürsten-
tums Sachsen, eine Festung. Vor 800 Jahren als
Burg auf einem Basaltberg errichtet, genutzt als
bischöfliche und kurfürstliche Residenz, wird sie
erst zum Renaissanceschloss, dann zur trutzigen
Festung ausgebaut, später erobert und vielfach
zerstört. Ein Teil der Gemäuer blieb jedoch erhalten
oder konnte durch Sanierung gesichert werden.
Auch hier begegnen Besucher August dem Star-
ken, genauer: seiner berühmtesten Mätresse Anna
constantia Gräfin von cosel (1680–1765). Die tra-
gische Geschichte einer ehrgeizigen und schönen
Frau, die nach einer missglückten politischen Kar-
riere den Rest ihres Lebens – 49 Jahre! – als Ge-
fangene auf Stolpen fristet, wirft ein Schlaglicht
auf die Schattenseite des schillernden sächsischen
Regenten. Sie ergänzt das auf dem Königstein
vermittelte Geschichtsbild und stellt zugleich die
heute weitgehend unbekannte und missverstan-
dene Lebensform »Mätresse« im Absolutismus vor.
1705 wird Gräfin cosel Gemahlin zur Linken des
Königs. Durch ihren Anspruch und ihr Auftreten
fällt sie aus der ihr zugedachten Rolle und bringt
August zunehmend in Bedrängnis. Er möchte sich
ihrer entledigen und lässt sie am 24. Dezember
1716 auf die Burg Stolpen bringen. Der Ort wird zu
ihrem Schicksal. Sie wird ihn nie wieder verlassen.
Fast 300 Jahre liegt dieser folgenschwere Hei-
ligabend zurück – und erregt bis heute die Gemü-
ter. Die Museologen der Burg Stolpen sind dem
Mythos cosel seit Jahrzehnten auf der Spur. Was
bisher erforscht ist, zeigt das Burgmuseum in der
Ausstellung »Lebenslänglich Stolpen. Der Mythos
cosel« im Johannisturm, dem »coselturm«, in dem
sie inhaftiert war, in dem sie lebte, hoffte, Briefe
schrieb und in der Bibel las. Die Heilige Schrift mit
ihren persönlichen Handnotizen ist einer der Hö-
hepunkte der Ausstellung.
Das bevorstehende Jubiläum gab Anlass, die
Dauerausstellung neu zu gestalten und um neu er-
worbene Erkenntnisse über ihr Leben zu erweitern.
In vier Turmzimmern auf vier Etagen tauchen Be-
sucher jetzt noch tiefer in den Mythos ein: Küche
und Wohnraum der cosel sind museal inszeniert,
Dokumente nachgebildet und barocke Alltagsge-
genstände ausgestellt. Man sieht die Gräfin auf
Bildnissen, erfährt, wie sie ihren Tag verbrachte
und wie sie den Beschuss der Festung durch ihren
einstigen Geliebten miterleben musste.
1765 starb sie – allein. Ihre Grabstätte in der
1813 zerstörten Burgkapelle wurde 1881 entdeckt.
Hier markiert eine Sandsteinplatte ihre letzte Ru-
hestätte.
CZ
CZ
Elbe
Dresden
Děčín
(Tetschen)
Pirna
Bad Schandau
Neustadt
Radeberg
Bad Gottleuba-
Berggießhübel
Stolpen
Sebnitz
Königstein
Festung Königstein
April bis Oktober: 9–18 Uhr
November bis März: 9–17 Uhr
Burg Stolpen
April bis Oktober: 9–18 Uhr
November bis März: 10–16 Uhr
Im Winterhalbjahr montags und bei schlechter
Witterung geschlossen.
Kontakte
video-kurios
Foto: Sebastian Thiel
Foto: Bernd Walther, Heidenau
Foto: Klaus Schieckel
Foto: Frank Hoehler
1...,92,93,94,95,96,97,98,99,100,101 103,104,105,106,107,108,109,110,111,112,...132
Powered by FlippingBook